14.08.2012 – Mein vierter Olympia Marathon

Auch nach einem Olympiamarathon ist der 3. Tag danach nicht wirklich toll. Treppen versucht man wenn immer möglich zu meiden, was in einem 200jährigen Holzhaus gar nicht so einfach ist, wenn sich das Schlafzimmer im obersten Geschoss befindet.

Es war zwar bereits mein 24. Marathon und trotzdem fühlt sich mein Körper völlig erschlagen an. Das geht zum Glück vorbei, was langfristig bleibt, sind die unglaublichen Emotionen und ein grosser Stolz auf diesen Olympia Marathon. Ein Marathonrennen, welches eines der Schwierigsten meiner Karriere war, was die Renngestaltung anbelangt.

Das Rennen startete relativ konstant, wurde dann nach 13km aber sehr unrhythmisch. Ich entschloss mich darum, meine konstante Pace weiterzuziehen. Als mir bei 15km mein Betreuer Rang 33 zurief, wähnte ich mich aber trotzdem etwas im falschen Film. Als Olympia 6. von Peking stellt man sich zu diesem Zeitpunkt im Rennen eine andere Platzierung vor.

Aber wie immer im Sport, wird erst ganz am Schluss rangiert und so versuchte ich mein eigenes Rennen durchzuziehen. Motiviert von hunderten von Schweizer Fahnen am Strassenrand und angetrieben durch ohrenbetäubenden Lärm, versuchte ich meine persönliche Pace möglichst hochzuhalten. Die Strecke mit ihren ständigen Richtungswechseln und andauerndem auf und ab sowie die zunehmende Hitze liessen auch mich in einen absoluten Grenzbereich vorstossen. Das bezeugte auch meine „Mickey Mouse“ Stimme während des Live-Interviews mit dem Schweizer Fernsehen 10 Minuten nach dem Zieleinlauf.

Auf dem letzten Streckendrittel sammelte ich dann aber Läufer um Läufer ein. Und zwischenzeitlich glaubte ich sogar daran, dass wiederum ein Diplomrang möglich wäre. Viele bekannte Gesichter sahen gar nicht mehr so gut aus, insbesondere beim Ein- und Überholen von Arata Fujiwara hatte ich fast ein bisschen Mitleid. Trainierten wir in der unmittelbaren Vorbereitung in St. Moritz doch regelmässig miteinander.

Mit Ruggero Pertile duellierte ich mich auf den letzten Kilometern bis zum Ziel und wir sammelten gemeinsam weitere Läufer ein. Auf der Zielgeraden hatte er dann für einmal den längeren Atem als ich. Wie ich tags darauf aus der Gazzetta dello Sport erfuhr, war mein Auflaufen auf ihn die grosse Motivation noch einmal Vollgas zu geben. Ruggero meinte im Gazetta-Interview „Ich wollte nicht schon wieder den Kürzeren gegen Röthlin ziehen.“ Die letzten Jahre lief ich immer vor Ruggero ins Ziel, was dazu führte, dass beim Trainingslager in Kenya ich jeweils bestimmen durfte, wer welches Zimmer in der gemeinsamen Unterkunft bezieht. In Zukunft würde dies wohl anders aussehen.

Zusammen mit Ruggero Pertile lief ich zudem die schnellsten letzten zwei Kilometer des gesamten Feldes und europäisch betrachtet gehöre ich immer noch zu den drei schnellsten Marathonläufern.

Spannenderweise war ich im Ziel meines 4. Olympischen Marathons als 11. zufriedener als vor 4 Jahren mit dem 6. Platz in Peking. In Peking haderte ich mit dem Umstand, um 35 Sekunden die bronzene Medaille verpasst zu haben. In London war dieser 11. Rang das absolute Optimum an diesem Tag und zeigte mir auch auf, wohin sich meine Sportart in den letzten 4 Jahren weiterentwickelt hat.

Nun freue ich mich auf erholsame Ferien mit der ganzen Familie in Finnland und möchte mich für die tolle Unterstützung zu Hause und vor Ort herzlichst bedanken.

Viktor Röthlin

 > Klasseleistung und blaue Zehennägel (Nidwalderzeitung, 13. August 2012)